Ausgabe Nr. 98 (Frühling 2026)
UNTERWEGS IN FRANKREICH
Paris
Notre-Dame: ein Land krempelt die Ärmel hoch
Am 8. Dezember 2024 konnten die Menschen Notre-Dame de Paris nach dem verheerenden Brand erstmals wieder betreten. Fünf Jahre lang haben wir die gigantischen Arbeiten verfolgt und regelmäßig darüber berichtet. Allerdings fehlte immer der notwendige Abstand, um zu erfassen, was hinter den Absperrungen rund um die Kirche wirklich vor sich ging. Kürzlich veröffentlichte die staatliche Einrichtung, die die Renovierung steuerte, das Werk Rebâtir Notre-Dame de Paris, das gut in den Kontext einer langfristigen Betrachtung passt. Der ideale Anlass also, unsererseits die « Geschichte der Wiederauferstehung » aus einer anderen Perspektive zu erzählen, Sie mitzunehmen zu den Handwerkern und deren Können, das die Renaissance der Kathedrale erst möglich machte.
Normandie
Etretat: ein Ort - viele Perspektiven
Manchmal hört man einen Namen, und schon entstehen vor dem geistigen Auge Bilder. So ein Name ist Étretat. Die Kreidefelsen, der Felsbogen, die im Meer vorgelagerte Felsnadel: Seit ewigen Zeiten ziehen sie die Blicke der Menschen an, inspirieren Künstler und regen die Fantasie weit über die Grenzen der Normandie hinaus an. Ausgehend von einer derzeit in Lyon stattfindenden Ausstellung – die ab 19. März 2026 in Frankfurt gezeigt wird – untersuchen wir in diesem Artikel, warum Étretat mehr als « nur » ein berühmter Ort ist. Wir versuchen zu verstehen, was genau die Anziehungskraft dieser so beliebten und gleichzeitig so fragilen Landschaft ausmacht.
Okzitanie
Toulouse insolite
Manchmal helfen winzige Dinge, einen Ort unter einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Folgen Sie uns nach Toulouse, zu Überraschungen abseits der « offiziellen Highlights », zu unbekannteren Orten, in ein anderes, geheimnisvolleres Toulouse.
Provence - Alpes - Côte d'Azur
Der Mareograf: Marseilles geheime Referenz
Unterhalb der Corniche Kennedy in Marseille befindet sich ein verschwiegener, weitgehend unbekannter Ort, der jedoch eine Bedeutung für ganz Frankreich hat, denn auf ihn beziehen sich die Höhenangaben jeder Straße, jeder Stadt und jedes Berges im Land. Seit über 140 Jahren misst man hier die Höhe des Meeresspiegels, die als Nullpunkt die nationale Bezugsgröße ist. Hier befindet sich der einzige noch existierende und funktionierende Mareograf der Welt, der sogenannte « mechanische Totalisator-Flutmesser System Reitz ». Er ist das Ergebnis einer verblüffenden deutsch-französischen Zusammenarbeit – genauer gesagt zwischen Marseille und Altona, heute ein Stadtviertel von Hamburg – die im 19. Jahrhundert begann. Das Gerät ist nach wie vor funktionstüchtig und spielt eine wichtige Rolle bei der Beobachtung von Meeresspiegel und Klimaveränderung. An einigen Tagen im Jahr kann man den Marégraphe besichtigen und erfährt bei dieser Gelegenheit mehr über die herausragende Bedeutung dieser spannenden und dennoch weithin unbekannten Einrichtung.
FRANKREICH HEUTE
Provence - Alpes - Côte d'Azur
Etang de Berre: die Schönheit der Gegensätze
Wenn Sie bereits einmal mit dem Flugzeug nach Marseille gereist sind, haben Sie beim Landeanflug unweigerlich eine ausgedehnte Wasserfläche gesehen, die sich neben den Pisten erstreckt. Der Étang de Berre, eine Salzwasserlagune vor den Toren der Cité phocéenne, hat ein nicht gerade anziehendes Image und wurde lange Zeit lediglich mit Schwerindustrie und Erdölraffinerien in Verbindung gebracht. Dennoch verbirgt sich hinter diesem Image ein sehr kontrastreiches Gebiet, das nicht nur Industrieanlagen, sondern auch Fischerhäfen, diskrete Strände, Naturgebiete und eine erstaunliche Fauna zu bieten hat. Der jüngste Roman der Schriftstellerin Sigolène Vinson, Le Butor étoilé, fordert uns auf, die Lagune aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Entdecken Sie mit uns die unbekannte Seite des Étang de Berre und gleichzeitig die ganze Schönheit, die seinen Gegensätzen innewohnt.
Geschichte
Victor Hugo: der Dichter, der den Tischen zuhörte
Willkommen in einem lange Zeit unter den Teppich gekehrten Abschnitt im Leben des großen Dichters, den man für einen Verfechter der Vernunft hielt und der doch in der Zurückgezogenheit des Exils Tische sprechen ließ.
ART DE VIVRE
Alkohol
Der Esprit der Überseegebiete Französischer Rum
Was alkoholische Getränke angeht, ist Frankreich für Wein und Branntwein bekannt, weniger für Rum. Und doch. Ob Antillen, Indischer Ozean oder Pazifik: Die französischen Rumsorten warten mit einer Vielfalt und aromatischen Komplexität auf, die den Weinen aus den bekannten Appellationen in nichts nachstehen. Auch sie beziehen einen Teil ihrer Identität aus dem jeweiligen Terroir, werden nach strengen Regeln produziert und sogar offiziell beurteilt. Rumsorten also zum Genießen, die eine Geschichte erzählen und für die man – ebenso wie für große Weine – eine besondere Vorliebe entwickeln kann.
Serie:
Typisch französische Produkte (47):
Almanach Vermot - Kulturgut und beliebter Humor
Es ist ein kultiges, knallrotes Objekt, manchmal etwas zerlesen und scheinbar aus der Zeit gefallen – und doch steht es Jahr für Jahr neu in unzähligen französischen Bücherregalen: Der Almanach Vermot wird 2026 stolze 140 Jahre alt. Trotz Internet bleibt das traditionsreiche Jahrbuch, besonders auf dem Land, beliebt mit praktischen Angaben zu Sonnenauf- und -untergang, Gartentipps, Heiligenkalender und dem berühmten « Witz des Tages » – so typisch, dass man in Frankreich vom Humour à la Vermot spricht.
Chantals Rezept
Gougères
Gougères sind eine Spezialität aus dem Herzen des Burgund und für mich einer der besten Begleiter zum Aperitif. Sie gehören zu den Leckerbissen, die man sofort an ihrem zarten, köstlichen Duft erkennt. Lange Zeit wurden sie frisch aus dem Ofen und noch lauwarm von Winzern und in Weinkellern bei der Verkostung von Weißweinen serviert. Das luftige Gebäck wird mit Comté verfeinert und bietet einen herrlichen Kontrast zwischen der knusprigen Kruste und dem weichen Inneren. Eine Prise Pfeffer und ein Hauch von Muskat, schon haben Sie kleine Häppchen, die allen schmecken werden. Bon appétit!
RUBRIKEN
Rubrik
Sag mir, warum...
Unsere Rubrik greift augenzwinkernd genau jene Fragen auf, die man sich stellt, wenn man staunend durch Frankreich reist: … gilt die Loire als der letzte wilde Fluss Frankreichs?; soll man ein Baguette nicht verkehrt herum auf den Tisch legen?; sind die Küsschen zur Begrüßung eine Wissenschaft für sich?; werden manche Gebäude als « Longère » bezeichnet?; gibt es in der Bretagne Butter, die man sonst nirgendwo erhält?; gilt ein Schloss in Lothringen als « architektonischer Kalender »?; nennt man Restaurants in Lyon « Bouchons »?
Kulturschock
Ein Liter Tradition
In unserer Rubrik « Kulturschock » werfen wir gerne einen amüsierten Blick auf Dinge, die in gewisser Weise « das Salz » in den deutsch-französischen Beziehungen sind. Kleine « kulturbe-dingte Auseinandersetzungen », die staunen lassen, einander näherbringen, manchmal auch verwirren, die aber letzten Endes der Freundschaft und gemeinsamen Unternehmungen Würze verleihen.
Guéwen a testé…
… Die Ansprüche bei Zugausfällen oder Verspätungen in
Frankreich
Wissen Sie, dass es Restaurants gibt, in denen man in vollkommener Dunkelheit sein Essen genießt? Das erste Lokal dieser Art – Blindekuh – wurde 1999 in Zürich eröffnet; es basiert auf dem 1988 in Deutschland kreierten Konzept Dialog im Dunkeln. Und in Frankreich? 2004 breitete sich die Idee ins Hexagon aus: Mit Dans le Noir? entstand in Paris ein wirtschaftlich tragbares Modell, das mittlerweile auf internationaler Ebene etabliert ist und beweist, dass sich Inklusion und Rentabilität nicht ausschließen. Der Gedanke, die französische Adaptation eines deutschen Konzeptes zu testen, hat mich neugierig gemacht, also habe ich mich in die fünfte Etage des Hotels Radisson Blue begeben ...



